
Unser Protagonist befindet sich vor einem normalen Haus, in einer normalen Straße, in einer normalen Stadt mit vollkommen normalen Bürgern. Sie sind mit ihrem Leben im Großen und Ganzen zufrieden und wollen daran auch nichts ändern. Sie achten auf nichts was in irgendeiner Weise merkwürdig, unheimlich oder gefährlich ist.
Das Haus vor dem wir uns befinden, so wie die Menschen die dort wohnen, sind aber das genaue Gegenteil von „gefährlich“. Sie sind die nettesten Menschen, die ich kenne. Zwar nicht zu jedem, aber das weiß unser Protagonist ja nicht. Deswegen steht er gerade geschockt vor diesem Haus, welches, wie ich jetzt aufklären muss, so scheußlich, gefährlich und Furcht einflößend aussieht, wie ihr euch nur vorstellen könnt. Da unser Protagonist noch nicht im Erwachsenen Arbeitstrott ist, sondern noch in die Schule geht, hat er noch ein Interesse für alles Mysteriöse, Unheimliche oder Andersartige.
Diese Neugier wird sehr wichtig werden, spätestens, wenn er gesehen hat, was gleich passieren wird. Ihr wollt jetzt wahrscheinlich wissen, warum es für diesen Jungen so wichtig ist, genau jetzt vor diesem Haus zu stehen. Erstmal muss ich mich (um die Spannung zu nehmen, da mich eure weit aufgerissenen Augen fast verschlingen) berichtigen: der Junge befindet sich nicht vor einem normalen Haus. Für die meisten wirkt es so, da sie es erst gar nicht bemerken. Aber was ist daran so anders? Zwar steht es in einer normalen Straße, eine wie viele andere in dieser Stadt. Doch auch an der Straße ist etwas unnormal: dieses Haus. Alle anderen Häuser waren weiße Reihenhäuser mit einem kleinen gepflegtem Vorgarten, mindestens einen Gartenzwerg und einem normalen Mittelklassewagen vor der kleinen, von Kindern angemalten Garage.
Dieses Haus aber war alt, hat anstatt schöner Blumen Unkraut im Garten und anstatt eines Gartenzwerges einen niegelnagelneuen Springbrunnen.
Ihr fragt euch jetzt sicher, was ein neuer Springbrunnen mitten in einem so verwilderten Garten macht. Ich kann euch sagen, es kommt noch merkwürdiger. In der Mitte stand eine große, durch die Zeit vergilbte Statue. Sie hatte ein Kleid aus kleinen, ja zarten Federn an, welche sich, wenn man genau hin schaute, zu bewegen schienen, ganz leicht und doch wild und energisch, wie Schwimmzüge. Das Federkleid war aber nicht das Einzige, was sich bewegte.
In dem behaarten und trotzdem schönen, majestätischen Gesicht bewogen sich die meergrünen Augen langsam zu unserem Protagonisten hin. Der Junge wollte laufen, nur weg.
Er war nicht starr vor Angst, war er eigentlich nie. Er hatte nur im Keller oder wo es dunkel war Angst. Dort hatte er das Gefühl Geister zu sehen, aber dann dachte er daran, dass sein Kopf sich diese nur ausdenken würde und dann war der Keller auch gleich nicht mehr so dunkel.
Er hatte zwar ein komisches Kribbeln im Bauch aber es hielt ihn etwas anderes fest. Er überlegte, kurz was es sein könnte, aber außer ihm war keiner in der Nähe.
Es konnte nur diese Statue sein, obwohl ihm das absurd vorkam, aber diese Augen. Es war als leuchteten und blitzten sie ihn an.
Der Junge wusste nicht, wie viel Zeit verging, er schaute, nein er starrte in diese Augen. Es verschwamm alles um ihm herum, die Augen waren nichts mehr als gelbgrüne Schlieren. Ihm wurde schummrig, er wollte die Augen schließen und einfach fallen. Nur noch fallen und nie mehr aufhören. Und er fiel immer weiter in einem Strom aus Gold und Grün. Es war still.
Doch ganz plötzlich änderte sich etwas. Wie mit Wellen drang ein Wort zu ihm durch: „finito“.
Es war jetzt ganz deutlich zu hören. Auch die anderen Sinne wurden wieder klar. Er sah wieder das alte Haus und hörte wieder die Stille der leeren Straße.
Der Junge drehte sich sofort um, um zu schauen, wer eben gesprochen hatte, aber da war niemand. Die Straße war so leer wie vorher.
Die Junge wollte schon weitergehen, als er ein leises Fiepen wahrnahm. Es wurde langsam lauter, und dunkler. Jetzt konnte er schon einzelne Töne erkennen, oder waren es Worte? Wenn es Worte waren, aber in einer alten, weit entfernten Sprache. Die Melodie wurde lauter, lauter und so laut, dass jedem in diesem Viertel die Ohren hätten platzen müssen. Aber das Geräusch tat noch nicht mal weh, es war einfach nur da. Abrupt, ohne wirkliches Anzeichen, hört es auch schon wieder auf. Dafür öffnete sich jetzt mit einem harten Stoß die Tür. Bevor der Junge einen Blick ins Innere werfen konnte, kam mit hastigen Schritten ein Mann mittleren Alters heraus, hastete auf die Statue zu, ging ein paar Mal um sie herum und schaute dann von ganze Nahe in die Augen. Er drehte sich genauso plötzlich um, wie der Jungen vorhin. Mit dem einzigen Unterschied, dass der Mann nicht nach irgendetwas suchte, sondern allem Anschein nach schon gefunden hatte.
Ihn.
Der Mann schaut ihn mit so vielen Gesichtsausdrücken gleichzeitig an, so viele wie der Junge noch nie gleichzeitig gesehen hatte. Erst Hoffnung und Skepsis, dann Freude und Trauer und sowie Selbstzweifel und Heldenmut. So schnell wie der Mann gekommen war, ging er auch wieder. Bis zur Tür, weiter kam er nicht, denn diese war lautlos zurück ins Schloss gefallen. Er holte aber keinen Schlüssel aus der Hosentasche, wobei jetzt auffiel, dass seine gar keine Hosentaschen besaßen. Er brauchte anscheinend auch keinen Schlüssel, sondern flüsterte etwas wie „aperi magister“ und mit einem leisen Stimm-/Tongewirr öffnete sich die Tür.
Für den Jungen keinen Augenblick später kam er mit einer Frau in seinem Alter heraus. Beide waren jetzt ganz fein angezogen, er in Weiß mit einem so gesagt halben Frack oder halben Umhang und sie in Zitronengelb mit einem großen braunen Federschal.
Sie gingen immer schneller bis auf die Straße. Ab dort rannten sie, bis sie sich beide plötzlich vom Boden abstießen und in zwei kleine Vögel verwandelten. Noch ein Flügelschlag und beide verpufften sofort.
Dieses Ereignis war für den Jungen so unfassbar gewesen, dass ich gar nicht mehr erwähnen muss, dass die Vögel eine Zitronenstelze und ein Schwarzrücken-Steinmetzer waren, von welchen der Junge sowieso noch nie gehört hatte. Jetzt, wo das Haus sogar ziemlich normal wirkte, fast zu einem normalen Reihenhaus verwandelt hatte, ging der Junge verwirrt nach Hause.
Drei Wochen später
lag ein Brief vor der Haustür. Er war aus vergilbten Papier mit nur einem Bild vorne darauf: Ein schwarz-weißer Vogel, der einen goldenen Reichsapfel hielt und ein braun-gelber Vogel, welcher eine Krone emporstreckte.
We’ll see, if I write an END.
Originally posted on Medium: https://medium.com/@thomas_rosen/another-story-about-sorcery-520bf8041108